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KAROLINE: Essen Sie auch gern Eis?
SCHÜRZINGER: Meine einzige Leidenschaft, wie man so zu sagen pflegt.
KAROLINE: Die einzige?
SCHÜRZINGER: Ja.
KAROLINE: Schad!
SCHÜRZINGER: Wieso?
KAROLINE: Ich meine, da fehlt Ihnen doch dann was.

–       Ödön von Horváth, Kasimir und Karoline

4

LISA
Nur keine Leere aufkommen lassen.
Das hab ich mir immer schon.
Das hab ich mir dauernd gesagt.
Kann ich echt nicht brauchen.
So einen Riesenhaufen Nichts.
Die hat sich sofort auf mich gelegt.
Die Leere.
Damit meine ich vielleicht die Angst.
Dass du stirbst.
Und dass all das, was ich da tue.
In meinem Büro.
Und nicht nur dort.
Auch zu Hause.
Überhaupt.
Dass all das, was ich tagein, tagaus tue.
Dass das sinnlos ist.
Im Angesichts des Todes vollkommen sinnlos.
Nicht prinzipiell.
Aber mit Blick auf den Tod.
Dann schon.
Ich habe mir solche Sorgen gemacht.

HEINZ
Mich haut so schnell nichts um.
Zumindest nicht für immer.
Ich meine.
Ich falle schon hin.
Ab und zu.
Knalle mit dem Gesicht auf meine Zucchini.
Manchmal.
So wie heute eben.
Vor allem morgens ist mein Kreislauf unrund.
Aber auf Dauer zwingt mich nichts zu Boden.
So schnell wirst du mich nicht los.
Verspreche ich dir.
So ein Schlaganfall.
So ein Fallen und Liegenbleiben im Gemüsebeet ist nichts,
weshalb du dir Sorgen machen musst.
Aber schön, dass du da bist.
So sehen wir uns wenigstens einmal wieder.

– Nähe

6

Was mich betrifft so ist alles ganz leicht … meine Mutter war Soziologin und wenn ich irgendwas sagte wie zum Beispiel schau Mama ich hab eine Sandburg gebaut dann hat sie gesagt oh wie schön unser Bub hat ein neues Narrativ entwickelt … jeden zweiten Sonntag im Monat musste ich an Feldforschungen teilnehmen und ich konnte schon als Achtjähriger wissenschaftlich arbeiten was bei den anderen Kindern überhaupt nicht gut ankam … irgendwann hab ich mir dann eingebildet ich sei ein Wal … einfach so … ich bin aufgewacht und hab mir gedacht ich wäre ein Wal und würde mit meinen Walfreunden gemeinsam gegen die Walfischerei kämpfen müssen … das hat meine Mutter beunruhigt sie meinte sie hätte mich überfordert und weil hyperbegabte Kinder auch hypersensibel seien hätte ich nun ein Problem … sie hat mich ja für hyperintelligent gehalten … sie hat meinen Tennisschläger genommen und ihn so lange gegen meinen Nintendo geschlagen bis er und die Konsole kaputt waren … da hab ich mich wieder eingekriegt und festgestellt dass ich kein Wal bin sondern ein Mensch

– Als wir unsere Blockflöten verbrannten

 

3

»Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,

daß der Unrast ein Herz schlägt.

Es ist Zeit, daß es Zeit wird.«

–       Paul Celan, Corona

 

 

1

»Ein Mann mit einem dünnen Hals kletterte in eine Truhe hinein, klappte den Deckel über sich zu und bekam Atemnot.«

–       Daniil Charms, Die Truhe

 

7

»Aber er war ja schon früher tausendmal bereit gewesen, seine Existenz für eine Idee, eine Hoffnung, sogar für eine Phantasie hinzugeben.«

–       Fjodor Dostojewskij, Verbrechen und Strafe

 

8

Wir werden arbeiten müssen, sagte ich.
Warum?
Geld.
Ach so. Ja. Nervt.
Mhm.
Kannst du das machen?
Arbeiten? Ja, okay, sagte ich und wusste nicht, worauf ich mich einließ.

–       Nie wieder Nintendo

 

5

MAX:  Zuerst ist mir eine Langhantel auf den Fuß gefallen das tat höllisch weh aber ich hab mir eingeredet dass das so sein muss wenn ich etwas aus mir machen will ich hab mir gesagt diese Schmerzen muss ich aushalten daraufhin hab ich mich zu einem Gerät gesetzt meine Arme auf die Metallstange über meinem Kopf gelegt und plötzlich ist eine Art Klinge auf mich zugeschossen ich konnte gerade noch ausweichen aber beim zweiten Mal traf sie mich … da hatte ich schon den Verdacht dass das keine gewöhnlichen Trainingsmaschinen sind aber ich bin blöderweise sitzen geblieben und hab mir gesagt dass das eben eine besondere Herausforderung ist die ich bestehen muss wenn etwas aus mir werden soll plötzlich flog von links ein Pfeil an mir vorbei er hat mich nur um wenige Zentimeter verfehlt … ich dachte an Filme über alte Maya-Tempel in denen auch allerlei Fallen versteckt sind und versuchte mich zu erinnern wie die Filmfiguren es schaffen letztlich zu überleben aber da traf mich ein Pfeil ich zog ihn aus meiner Brust fiel zu Boden rappelte mich auf stolperte zu einer Trainingsbank setzte mich hin kippte zur Seite landete auf einer Schaumstoffmatte machte noch ein paar Rückenstrecker … du weißt schon die Übung kennst du sicher die ist ganz einfach … daraufhin ging ich zum Bauchmuskeltrainingsgerät aber auf dem Weg dahin der mir unendlich lang schien obwohl es wahrscheinlich nur ein paar Meter waren bin ich nochmal zur Seite gekippt hab mich aber wieder hochgezogen und mich nach oben geschleppt und hier bin ich

LENA: Und das hast du wirklich nur für mich getan

MAX: Was … nein … ich bin gekommen um dir zu sagen dass das Leben von dem du träumst nichts für mich ist … sieh mich doch an

– Das Vertrauen in Bauchmuskeltrainingsgeräte

 

 

 

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MARIE: Es ist an der Zeit in Panik zu geraten Franz du scheinst den Ernst der Lage nicht zu verstehen

STIMME DES RECHTS: Wir haben alles unter Kontrolle

FRANZ: Hörst du denn nicht die Staatsgewalt hat alles unter Kontrolle wir können beruhigt tun was wir tun wollen

Franz kniet sich erneut hin.

FRANZ: Die Liebe ist langmütig und freundlich die Liebe eifert nicht die Liebe treibt nicht Mutwillen sie bläht sich nicht auf sie verhält sich nicht ungehörig sie sucht nicht das Ihre sie lässt sich nicht erbittern sie rechnet das Böse nicht zu sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit sie freut sich aber an der Wahrheit sie erträgt alles sie glaubt alles sie hofft alles sie duldet alles die Liebe hört niemals auf

MARIE: Ja und

FRANZ: Findest du das was ich sagte und ich sagte es schön denn nicht schön

MARIE: Ist das was du sagtest und du sagtest es schön denn von dir selbst

FRANZ: Naja geschrieben steht es in der Bibel aber ich habe es gerade gesagt

MARIE: Du kniest dich hin und zitierst die Bibel was hat das zu bedeuten es macht sich eine große Verwirrung in meinem Denken breit

– Werbung Liebe Zuckerwatte